Die Auswüchse der Finanzdiktatur und wie man ihnen entgeht - von Manfred Gburek

Die Auswüchse der Finanzdiktatur und wie man ihnen entgeht

04.09.2016  |  Manfred Gburek
Neues Spiel, neues Glück: Nachdem die besonders an mittelfristigen Kursgewinnen interessierten Spekulanten beim Gold, Silber und vor allem bei Gold- und Silberaktien zum Teil Kasse gemacht haben, werden jetzt andere mutig, indem sie auf stark schwankende Aktien aus diesem Sektor setzen. Deutlich zu erkennen am Freitag, als die von antizyklischen Spekulanten bevorzugten Yamana, Buenaventura und Kinross aus dem HUI-Index und Gold Resource, Iamgold und nochmals Yamana aus dem XAU-Index zu Tagesgewinnern wurden.

Das Hin und Her wird noch eine Weile anhalten und dann in den zur letzten Jahreswende wieder aufgenommenen Aufwärtstrend übergehen. Haben Sie also noch etwas Geduld - eine für die nächste Zeit besonders wichtige Tugend, die ich Ihnen nicht oft genug empfehlen kann, starke Nerven inbegriffen.

Das Hin und Her wurde wieder mal durch die amerikanische Notenbank Fed ausgelöst. Denn eine Woche zuvor gab es ein hilfloses Gerede von Fed-Chefin Janet Yellen rund um den heißen Zinsbrei, dann Vertrösten auf den Arbeitsmarktbericht vom vergangenen Freitag, schließlich die gängige Floskel, im August habe es weniger neue Jobs gegeben als erwartet, dazu die längst abgedroschene, unglaubwürdig gewordene Interpretation, die amerikanische Wirtschaft sei noch nicht reif für eine Zinserhöhung. Da werden Zusammenhänge konstruiert, die zum Himmel stinken, aber es gibt immer noch Börsenkommentatoren, die an sie glauben und die sie verbreiten.

So sind sie nun mal, die Amerikaner. Damit meine ich nicht etwa nur einen Querschnitt durch alle Schichten der extrem heterogenen amerikanischen Bevölkerung, sondern auch und ganz besonders die sich selbst dafür haltende vermeintliche Elite, die eine Art Finanzdiktatur verfolgt. Ohne wirkliche Legitimation durch das Volk, einfach nur so, und das seit nunmehr fast 103 Jahren. Im Mittelpunkt: Die Fed, deren Gründung vom Dezember 1913 datiert. Bis heute haben ihre Verwalter und Gestalter so viel Arroganz angesetzt, dass sie sich sogar erlauben, die übrige Finanzwelt mit nichtssagenden Phrasen zu düpieren. So geschehen am vorletzten Freitag, so wiederholt eine Woche darauf.

Lässt man die vergangenen Jahrzehnte gerafft Revue passieren, fällt auf, dass die Fed sowohl bei Wachstums- als auch bei Inflationsprognosen und deren Zielen überwiegend daneben lag. Warum dann der ganze Prognose- und Zielunsinn, hochtrabend forward guidance genannt, also so etwas wie ein Kompass für die Zukunft, inszeniert von der Fed? Die wohl ehrlichste Antwort wäre: Weil man sich nicht blamieren will, indem man den Kompass mangels richtiger Anzeige einfach aus dem Verkehr zieht. Denn das liefe auf das Eingeständnis hinaus, dass seine Nadel bisher überwiegend in Richtung Osten, Westen oder Süden statt in Richtung Norden gezeigt hat.

Leider fällt den übrigen großen Notenbanken nichts Besseres ein, als der Fed in wichtigen Punkten nachzueifern. So auch bei der forward guidence. Dazu gehört an erster Stelle das Inflationsziel. Zum Beispiel weist EZB-Präsident Mario Draghi bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf einen Zielwert von etwas unter 2 Prozent hin. Dabei müsste er wissen - und weiß es natürlich auch -, dass Inflationsraten nicht statisch sind, sondern einem dynamischen Prozess entsprechen.

Das bedeutet: Sobald ein Wert etwas unter 2 Prozent erreicht ist, macht die Inflation nicht etwa einfach Halt, sondern entwickelt sich entweder nach oben weiter (die wahrscheinliche Variante), oder sie fällt, etwa weil die Konjunktur einzubrechen droht. Doch Draghi ist Teil der bereits erwähnten Finanzdiktatur, da will er nicht aus der Reihe tanzen und hält es beim Inflationsziel stattdessen lieber mit der Pseudo-Genauigkeit.

Die Crux aller Notenbanken, besonders der großen, besteht in einem gigantischen Missverständnis: Dass man nur den Geldhahn weit aufzudrehen braucht, und schon fluppt die Konjunktur. Wenn das so einfach wäre, würden wir längst in einem ökonomischen Paradies leben. Das tun wir jedoch nicht, im Gegenteil. So mussten die USA als größte Volkswirtschaft der Welt erst neulich ihr Wirtschaftswachstum auf eine Jahresrate von 1,1 Prozent herunterschrauben.

Die beiden Wahlkampf-Hähne Hillary Clinton und Donald Trump wollen die amerikanische Wirtschaft zwar kräftig stimulieren, aber bis entsprechende Programme sich positiv auf das Wachstum auswirken, vergehen erfahrungsgemäß mehrere Jahre. Also fühlen sich die Leute von der Fed einschließlich ihrer Partner in den anderen Notenbanken genötigt, den Geldhahn noch mehr aufzudrehen.

Die Wirkung auf die Realwirtschaft ist am Ende nur marginal. Man kann sie damit vergleichen, dass das erste Bier besonders gut schmeckt, das vierte oder fünfte aber nicht mehr. Oder dass Drogen zu Beginn schnell wirken, dass die Dosis allerdings erhöht werden muss, sobald die Wirkung nachlässt. Realwirtschaft, das sind in erster Linie Unternehmen aller Art. Zielt man auf die börsennotierten unter ihnen ab, ergibt sich dann doch noch eine Verbindung zur Geldpolitik der Notenbanken: Geld, das in Aktien investiert wird, treibt deren Kurse nach oben.

Diesen Effekt kann man bis zu einem gewissen Grad positiv beurteilen, nämlich solange Aktien anhand gängiger Kennzahlen (Dividendenrendite, Kurs-Gewinn-Verhältnis, Verschuldungsgrad u.a.) noch nicht überbewertet sind. Doch wann hört die Spekulation auf, wann wird aus ihr bloßes Spiel dank dem von den Notenbanken zur Verfügung gestellten Spielgeld?

Diese Frage muss man sich heute nicht allein im Hinblick auf Aktien, sondern auch auf Anleihen und Immobilien stellen, ja sogar auf Kunstwerke und Antiquitäten. Das alles ist weit von der Realwirtschaft abgehoben. Deshalb heißt es zu Recht, dass sich Blasen bilden - oder schon längst gebildet haben, vor allem bei Anleihen weltweit und bei deutschen Wohnimmobilien. Nun stelle man sich vor, die Notenbanken würden die Geldhähne einfach zudrehen. Dann dürfte unter den Besitzern der hier genannten Anlageklassen eine riesige Panik ausbrechen. Folglich bleiben die Geldhähne bis auf Weiteres geöffnet, Ende nicht prognostizierbar.

Die Preise von Gold und Silber haben vorübergehend, besonders im ersten Halbjahr 2016, zwar auch von der Geldflut profitiert (Gold- und Silberaktien erst recht), aber nicht in dem Ausmaß, wie es geboten erschien. Dazu braucht man sich nur vorzustellen, dass in Europa und Japan mittlerweile rund ein Drittel aller Anleihen nominal negative "Renditen" aufweist. Das heißt: Da Gold und Silber wenigstens zu null Prozent rentieren, sind sie solchen Anleihen vorzuziehen. Dies erst recht, wenn man berücksichtigt, dass es eine gewisse Sockelinflation gibt, die negative „Renditen“ real noch mehr ins Minus rutschen lässt.

In den USA ist es derzeit nicht so schlecht um Anleiherenditen bestellt. Doch wenn Clinton bzw. alternativ Trump das Versprechen, die Welt mit einem riesigen Konjunkturprogramm zu beglücken, auch nur halbwegs Ernst macht, wird etwas viel Schlimmeres als negative Renditen passieren: Eine derartige Überflutung der amerikanischen Börsen mit Anleihen, dass deren Kurse im Gefolge tief einbrechen dürften. Die positiven Renditen werden dann bei Weitem nicht ausreichen, um die Kursverluste zu kompensieren.

Gold und Silber werden in dem hier beschriebenen Umfeld ihre Rolle finden: angesichts der aktuell negativen "Renditen" in Europa und Japan als deren Profiteure, später indes noch mehr als Nutznießer drastisch fallender Anleihekurse in den USA (wie auch anderswo).

Diese Betrachtungsweise unterscheidet sich grundsätzlich von der zurzeit an den Börsen vorherrschenden Meinung, die Fed bräuchte nur die nächste Zinserhöhung anzudeuten, und schon würden die Preise von Gold und Silber als Edelmetalle ohne Renditen fallen. Diese Meinung klammert nämlich einfach die Kursverluste aus, die automatisch zustande kommen werden, sobald sich die Flut an neuen Anleihen über die Börsen ergießt. Es wird sich gleichermaßen um Vertrauensverluste handeln - ein Grund mehr, auf Gold und Silber als Kompensatoren solcher Verluste zu setzen, und zwar schon jetzt.

© Manfred Gburek
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